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Methodische Überlegungen zur Interpretation von Romanauszügen
Drei notwendige Vorbemerkungen
- Es gibt kein Rezept für das methodische Vorgehen und den Aufbau einer schriftlichen Textanalyse. Bestimmt werden das Vorgehen und die Darstellung allein durch das in der Aufgabenstellung formulierte Erkenntnisinteresse. Lautet die Aufgabenstellung: „Analysieren Sie den Textauszug, S. xx - S. yy,“ so steht es Ihnen als Interpreten frei, das Erkenntnisinteresse zu formulieren.
- Jede einzelne Aussage in einer schriftlichen Textanalyse hat eine analytische Funktion für die Gesamtdeutung - oder aber sie ist unnötig!
- Dies gilt insbesondere für Fragen nach der Form ästhetischer Texte. Die bloße Nennung oder Aufzählung formaler Aspekte reicht nicht aus, wenn sie nicht mit inhaltlichen Befunden verknüpft wird und Deutungsqualität erlangt.
Aufbau und Aspekte einer Analyse von Romanauszügen
einleitende Informationen (Primärinformationen)
- Nennung des Werks und seines Autors
- knappe thematische Verortung des Romans
- knappe faktische Situierung des Textauszugs innerhalb des Romans
Beispiel: Der vorliegende Textauszug ist dem [1XXX zum erstenmal erschienenen] Roman „[Titel]“ von [Name des Autors] entnommen. Er bildet das x. Kapitel. [oder: Es handelt sich um den Mittelteil / die Schlusspassage / etc. des x. Kapitels.]
Die einleitenden Informationen sollen knapp gehalten werden. Das muss aber nicht zwangsläufig bedeuten, alle Informationen in einen einzigen Einleitungssatz zu zwängen. Man läuft dadurch Gefahr, gleich zu Beginn einen monotonen Sprachstil einzuschlagen, der sich verselbständigt und das Schreib-, aber auch das Lesevergnügen nicht gerade fördert.
Klärung der erzählten Situation (Kontextuierung)
- Skizze des Raums, der Zeit, der Handlung (und damit der vorgeführten Figuren)
- Klärung der Aufgabenstellung und ggf. der eigenen Akzentsetzung
- ggf. auch Formulierung einer Arbeitshypothese oder eines Vor/- oder Erstverständnisses
Dieser Arbeitsschritt sollte nicht verwechselt werden mit einer Inhaltsangabe, auch wenn ohne Zweifel eine Reihe von Äußerungen zu finden sein werden, die zunächst einmal informierende Absichten verfolgen. Es kann jedoch durchaus möglich sein, auf formale Aspekte der erzählerischen Gestaltung schon in diesem Teil der Analyse einzugehen, um die erzählte Situation angemessen zu erfassen und zu vermitteln. Außerdem kann hier schon und auf der Grundlage der Situationsskizze auf die entweder vorgegebene oder eigene Akzentsetzung bei der Interpretation eingegangen werden.
Klärung des Zusammenhangs von Textauszug und Romanganzem
- Aufzeigen und Verknüpfung von Handlungssträngen, thematischen und/oder auch formalen Aspekten, die für das Verständnis des Textauszugs relevant sind
Es lässt sich nicht von vornherein festlegen, ob bei diesem Arbeitsschritt nur die Aspekte zu berücksichtigen sind, die auf den vorliegenden Textauszug zulaufen, oder ob nicht auch ein Hinweis darauf zu erfolgen hat, was unter dem entsprechenden Aspekt im weiteren Romanverlauf folgt. Dies ist ganz wesentlich abhängig vom formulierten Verstehensinteresse. Wenn die Analyse z.B. darauf hinauslaufen soll zu klären, welchen Stellenwert der Auszug für den Romanverlauf hat, so muss am Ende bei der Darlegung des Gesamtbefundes auf das dem Auszug Folgende noch einmal genauer eingegangen werden und kann an dieser Stelle knapper gehalten werden.
detaillierte Analyse des Textauszugs
mögliche Aspekte:
- Gestaltung der Erzählsituation
- Klärung der Erzählsituation (auktorialer Erzähler, personaler Erzähler, Ich-Erzähler)
- Klärung des Verhältnisses von Erzählzeit und erzählter Zeit (Moment von Raffung oder Dehnung)
- Darlegung der Erzählhaltung (z.B. distanziert, ironisch, wertend, sachlich, mitleidig, mitfühlend, herablassend, etc.)
- Verdeutlichung der Erzählperspektive (Innenperspektive - Außenperspektive; Polyperspektivität)
- Raumgestaltung
- Handlungsführung
- Figurengestaltung
- Zuordnung der Figuren zueinander (Haupt-, Nebenfiguren; Mit-, Gegenspieler)
- Verhalten der Figuren im einzelnen und in der kommunikativen Situation mit anderen
- Motivation der Figuren und deren Begründung in Charakter und/oder Situation
- Figurenrede
- direkte / indirekte Rede: Figuren stellen sich szenisch dar oder werden szenisch dargestellt
- erlebte Rede: der Leser nimmt am Bewusstsein und am Erleben einer Figur teil (Innenperspektive); formale Kennzeichnen: Präteritum, Pronomen der 3. Person
- innerer Monolog: das innere Geschehen wird als Bewusstseinsstrom aus Gedanken, Assoziationen, Erinnerungen unmittelbar (häufig ohne klare Satzgliederung) dargestellt; formale Kennzeichnen: zumeist Präsens, innere Sprunghaftigkeit
- Sprachebenen der Figuren: Hochsprache, Dialekt, Soziolekt
Die detaillierte Analyse des Textauszugs bildet sicherlich den Kern der Interpretation. Dabei ist jedoch unbedingt darauf zu achten, dass die genannten Aspekte nicht alle mit gleicher Gewichtung behandelt werden müssen. Das kann sogar so weit gehen, dass bei der schriftlichen Darlegung auf einzelne, für das Verstehensinteresse belanglose Aspekte gar nicht eingegangen wird. Ebenso ist festzuhalten, dass es sich bei den genannten Aspekten nicht um einen Katalog von zu analysierenden Aspekten handelt, die nacheinander in der schriftlichen Analyse dargelegt werden. Vielmehr besteht eine wesentliche Leistung darin, die einzelnen Punkte unter dem leitenden Verstehensaspekt miteinander in der Darstellung zu verzahnen. Denken Sie an Textbelege, die so eingesetzt werden müssen, dass Ihre Argumentation nachvollziehbar ist!
Deutung
- Zusammenführung der Einzelbefunde zu einem Gesamtergebnis unter erkennbarem Rückbezug auf die Aufgabenstellung
Die Deutung ist mehr als die wiederholende Zusammenfassung der einzelnen Analyseergebnisse, sondern führt diese auf eine höhere Erkenntnis- und Abstraktionsstufe. Sicherlich ist es zu diesem Zweck sinnvoll, sich vor der Niederschrift dieses letzten Interpretationsteils die bisherigen Ausführungen noch einmal durchzulesen, um sich die einzelnen Aspekte noch einmal zu vergegenwärtigen. Auf der Ebene der Deutung findet erst die eigentliche Beantwortung der in der Aufgabenstellung formulierten und das Erkenntnisinteresse der gesamten Arbeit leitenden Fragestellung statt. Bei allgemeiner, unspezifizierter Formulierung ist es sicherlich sinnvoll, auf den besonderen inhaltlichen, thematischen, ggf. auch formalen Stellenwert des analysierten Textauszugs für den Roman einzugehen und damit die Funktion des Textauszugs genau zu bestimmen.
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