Dramenanalyse

 

Letzte Aktualisierung:

 12/03/08

Methodische Überlegungen zur Interpretation
von Einzelszenen oder Textauszügen aus Dramen

Einige notwendige Vorbemerkungen

  • Es gibt kein Rezept für das methodische Vorgehen und den Aufbau einer schriftlichen Textanalyse. Bestimmt wird das Vorgehen und die Darstellung allein durch das in der Aufgabenstellung formulierte Erkenntnisinteresse. Lautet die Aufgabenstellung: „Analysieren Sie den Textauszug, S. xx - S. yy,“ so steht es Ihnen als Interpreten frei, das Erkenntnisinteresse zu formulieren.
  • Um den eigenen analysierenden und interpretierenden Gedankengang deutlich zu machen, macht es gleichwohl Sinn, sich an einer gewissen Darstellungsreihenfolge zu orientieren, die es dem Leser erleichtert, die Deutung nachzuvollziehen.
  • Jede einzelne Aussage in einer schriftlichen Textanalyse hat eine analytische Funktion für die Gesamtdeutung - oder aber sie ist unnötig!
  • Dies gilt insbesondere für Fragen nach der Form ästhetischer Texte. Die bloße Nennung oder Aufzählung formaler Aspekte reicht nicht aus, wenn sie nicht mit inhaltlichen Befunden verknüpft wird und Deutungsqualität erlangt.

Aufbau und Aspekte einer Analyse von Dramenauszügen bzw. -szenen

einleitende Informationen

  • Nennung des Werks und seines Autors
  • knappe faktische Situierung des Textauszugs oder der Szene innerhalb des Dramas

Beispiel:

Der vorliegende Textauszug ist dem [1XXX zum ersten Mal erschienenen] Drama „[Titel]“ von [Name des Autors] entnommen. Er bildet die x. Szene des y. Aktes. [oder: Es handelt sich um den Mittelteil / die Schlusspassage / etc. der x. Szene des y. Aktes].

Die einleitenden Informationen sollen knapp gehalten werden. Das muss aber nicht zwangsläufig bedeuten, alle Informationen in einen einzigen Einleitungssatz zu zwängen. Man läuft dadurch Gefahr, gleich zu Beginn einen monotonen Sprachstil einzuschlagen, der sich verselbständigt und das Schreib-, aber auch das Lesevergnügen nicht gerade fördert.

Klärung der dramatischen Situation

  • Skizze des Raums, der Zeit, der Handlung, der Dialoginhalte (und damit der vorgeführten Figuren)
  • Klärung der Aufgabenstellung und ggf. der eigenen Akzentsetzung
  • ggf. auch Formulierung einer Arbeitshypothese oder eines Vor/- oder Erstverständnisses

Dieser Arbeitsschritt sollte nicht verwechselt werden mit einer Inhaltsangabe, auch wenn ohne Zweifel eine Reihe von Elementen, die auch eine Inhaltsangabe kennzeichnen, hier zu finden sind. Es kann jedoch durchaus möglich sein, auf formale Aspekte der erzählerischen Gestaltung schon in diesem Teil der Analyse einzugehen, um die erzählte Situation angemessen zu erfassen und zu vermitteln. Außerdem kann hier schon und auf der Grundlage der Situationsskizze auf die entweder vorgegebene oder eigene Akzentsetzung bei der Interpretation eingegangen werden.

Klärung des Zusammenhangs
von Szene/Textauszug und Dramenganzem

  • Aufzeigen und Verknüpfung von Handlungssträngen, thematischen und/oder auch formalen Aspekten, die für das Verständnis der Szene / des Textauszugs relevant sind

Es lässt sich nicht von vornherein festlegen, ob bei diesem Arbeitsschritt nur die Aspekte zu berücksichtigen sind, die auf den vorliegenden Textauszug zulaufen, oder ob nicht auch ein Hinweis darauf zu erfolgen hat, was unter dem entsprechenden Aspekt im weiteren Dramenverlauf folgt. Dies ist ganz wesentlich abhängig vom formulierten Verstehensinteresse. Wenn die Analyse z.B. darauf hinauslaufen soll, zu klären, welchen Stellenwert der Auszug für den Romanverlauf hat, so muss am Ende bei der Darlegung des Gesamtbefundes auf das dem Auszug Folgende noch einmal genauer eingegangen werden und kann an dieser Stelle doch knapper gehalten werden.

detaillierte Analyse des Textauszugs bzw. der Szene

  • Gliederung
    • Herausarbeiten auffallender Handlungs- und/oder Gesprächsabschnitte
  • Gestaltung der dramatischen Situation [unter besonderer Berücksichtigung von Regieanweisungen]
    • Aufbau des Raumes, in dem die Figuren agieren
    • Veränderungen durch Bewegung der Figuren
  • Handlungsführung
    • Zuordnung der Figuren zueinander (Haupt-, Nebenfiguren; Mit-, Gegenspieler)
    • Verhalten der Figuren im einzelnen und in der kommunikativen Situation mit anderen
    • Motivation der Figuren und deren Begründung in Charakter und/oder Situation
  • Dialoganalyse
    • Anteil an sprachlicher und außersprachlicher Handlung der einzelnen Figuren
    • Verteilung der Gesprächsanteile
    • Sprachebenen der Figuren: Hochsprache, Dialekt, Soziolekt;
    • Auffälligkeiten in den Sprechakten (rhetorische Grundierung der Figurenrede)
    • kommunikativer Bezug (Aufeinander Eingehen versus Aneinander Vorbeireden); Differenz zwischen Gesagtem und Gemeintem; Abweichung oder Authentizität von Inhalts- und Beziehungsaspekt der Sprechakte (nach Bühler und/oder Watzlawick)
    • Gesprächstypus des Dialogs (z.B. Streitgespräch, Verhör, Liebesdialog)

Die detaillierte Analyse des Textauszugs bildet sicherlich den Kern der Interpretation. Dabei ist jedoch unbedingt darauf zu achten, dass die genannten Aspekte nicht alle mit gleicher Gewichtung behandelt werden müssen. Das kann sogar so weit gehen, dass bei der schriftlichen Darlegung auf einzelne, für das Verstehensinteresse belanglose Aspekte gar nicht eingegangen wird. Ebenso ist festzuhalten, dass es sich bei den genannten Aspekten nicht um einen Katalog von zu analysierenden Kriterien handelt, die nacheinander in der schriftlichen Analyse dargelegt werden. Vielmehr besteht eine wesentliche Leistung darin, die einzelnen Punkte unter dem leitenden Verstehensaspekt miteinander in der Darstellung zu verzahnen.

Denken Sie an Textbelege, die so eingesetzt werden müssen, dass Ihre Argumentation nachvollziehbar ist!.

Deutung im Sinne einer Funktion der Szene / des Textauszugs

  • Bedeutung für das Verständnis des Aktes und den Verlauf des dramatischen Konflikts
  • Bedeutung für das Verständnis des Dramas
  • Wirkung auf den Zuschauer

Die Deutung ist mehr als die wiederholende Zusammenfassung der einzelnen Analyseergebnisse, sondern führt diese auf eine höhere Erkenntnis- und Abstraktionsstufe. Sicherlich ist es zu diesem Zweck sinnvoll, sich vor der Niederschrift dieses letzten Interpretationsteils die bisherigen Ausführungen noch einmal durchzulesen, um sich die einzelnen Aspekte noch einmal zu vergegenwärtigen. Auf der Ebene der Deutung findet erst die eigentliche Beantwortung der in der Aufgabenstellung formulierten und das Erkenntnisinteresse der gesamten Arbeit leitenden Fragestellung statt. Bei allgemeiner, unspezifizierter Formulierung ist es sicherlich sinnvoll, auf den besonderen inhaltlichen, thematischen, ggf. auch formalen Stellenwert des analysierten Textauszugs für das Drama einzugehen und damit die Funktion der Szene / des Textauszugs genau zu bestimmen.

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